Vom 16. bis 18. Jahrhundert: Auslagerungen und wechselhafte Standorte
Die Ursprünge des heutigen Stadtarchivs weisen in die Zeit der Stadtgründung durch niederländische Glaubensflüchtlinge im 16. Jahrhundert zurück. Bereits in den ältesten Ratsprotokollen wird ein „Gewölbe“ erwähnt, in dem neben städtischen Siegeln und Schlüsseln auch Urkunden und wichtige Dokumente aufbewahrt wurden.
Auszug aus dem ältesten Rats- und Gerichtsprotokoll der Stadt Frankenthal, 1572
Das weitere Schicksal dieses „Archivs“ spiegelt zugleich die wechselhafte, von Zerstörung und Wiederaufbau geprägte Stadtgeschichte wider. Sowohl im Dreißigjährigen Krieg als auch im Pfälzischen Erbfolgekrieg kam es mehrfach zu Auslagerungen.
Seit 1700 wurden die städtischen Urkunden dann in der wiederaufgebauten Stadt in diversen „Interimsrathäusern“ aufbewahrt, bis 1756 unter Kurfürst Carl Theodor das neue repräsentative Rathaus, bereits am heutigen Standort, eingeweiht wurde.
Vom 19. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs: Ursprünge der modernen Stadtgeschichtsforschung
Johannes Kraus, Adjunkt der Stadt Frankenthal (Pfalz) und Gründer des Frankenthaler Altertumsvereins
Ein erneuter Umzug erfolgte 1816 infolge der territorialen Neuordnung nach dem Ende der napoleonischen Epoche: Für siebzig Jahre, bis 1890, lagerte das Archiv nun im ehemaligen Philantropin, dem Vorgänger des heutigen Karolinen-Gymnasiums. Zu dieser Zeit erfolgte auch eine erste Ordnung der Bestände durch den Lehramtsverweser an der Lateinschule Hanns Maisel.
Im Jahre 1900 – inzwischen befand sich das Archiv bereits wieder im Rathaus – nahm sich der Vorsitzende des 1892 gegründeten Frankenthaler Altertumsvereins e.V. Johannes Kraus erneut der vermutlich auch von ihm betreuten Archivbestände an.
In dieser Zeit, in der die Landesgeschichtsforschung - vor allem getragen vom Bildungsbürgertum und neu gegründeten Geschichtsvereinen - einen enormen Aufschwung verzeichnete, kam es auch in Frankenthal unter der Ägide des Altertumsvereins erstmals zu einer intensiven geschichtswissenschaftlichen Auswertung der Archivalien, die sich vor allem in zahlreichen quellenbasierten Abhandlungen in den Mitteilungen des Frankenthaler Altertumsvereins e.V. (MFA) niederschlug.
Damit wurde zugleich eine Tradition begründet, die bis heute lebendig ist: Als „Nachfolger“ der MFA erscheint seit 1959 die von der Stadt Frankenthal gemeinsam mit dem Altertumsverein herausgegebene Zeitschrift Frankenthal einst und jetzt.
Das beim Luftangriff am 23. September 1943 bis auf die Grundmauern niedergebrannte Rathaus
Einen gravierenden Einschnitt in die Archivgeschichte stellte der Zweite Weltkrieg dar. Zwar konnten vor allem die auch diesmal rechtzeitig ausgelagerten Altbestände gerettet werden - beim Bombenangriff vom 23. September 1943, als mit einem großen Teil der Stadt auch das Rathaus zerstört wurde, gingen jedoch das damals dort gelagerte Registraturgut und Archivbestände vor allem des 19. Jahrhunderts verloren.
Für die Erforschung dieser Epoche muss daher heute vor allem auf die Parallelüberlieferung in anderen Archiven, insbesondere dem Landesarchiv Speyer und dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, zurückgegriffen werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Stadtarchiv, das seit dem Wiederaufbau des Rathauses im Ostflügel des Gebäudes untergebracht ist, zunächst von städtischen Verwaltungsmitarbeitern betreut.
Erst seit 1988 war mit Gerhard Nestler nun ein Historiker für das Archiv zuständig. Nestler ordnete die Bestände neu und legte mit Forschungsprojekten zu Frankenthal in der NS-Zeit (Projekt Frankenthal unterm Hakenkreuz u.a.), wissenschaftlichen Aufsätzen v.a. zur Geschichte des Liberalismus und des politischen Katholizismus in Frankenthal wichtige Grundlagen für die moderne Stadtgeschichtsforschung.
2013 erschien unter seiner Federführung mit dem Band „Frankenthal. Die Geschichte einer Stadt“ zudem erstmals eine heutigen wissenschaftlichen Standards entsprechende Gesamtdarstellung der Stadtgeschichte.
Seit 2020 wird das Archiv von einer ausgebildeten Facharchivarin geleitet, 2022 wurde mit der stellvertretenden Archivleitung eine zweite Stelle geschaffen.
Aktuell stellt sich das Archiv den Herausforderungen durch die Digitalisierung und die veränderten Erwartungen der Archivnutzenden im digitalen Zeitalter. Digitalisierte Archivbestände sind erstmals in der Archivgeschichte online verfügbar. Projekte wie die Einführung eines Dokumentenmanagementsystems in der Stadtverwaltung und perspektivisch der Einstieg in die digitale Langzeitarchivierung werden vom Archivteam begleitet.
Gleichzeitig betreibt das Archiv eine aktive Überlieferungsbildung, spricht durch eine vielgefächerte Vermittlungsarbeit mit Ausstellungen, Publikationen, Vorträgen und archivpädagogischen Angeboten eine breite Öffentlichkeit an und betreut und berät Archivnutzerinnen und -nutzer. Bewährte Konzepte werden fortgeführt und gleichzeitig die Entwicklung in Gesellschaft und Archivwesen aufmerksam beobachtet und neue Chancen zur Vermittlung von Stadtgeschichte und Archivgut genutzt.
Vor diesem Hintergrund versteht sich das Stadtarchiv heute als moderner Dienstleister sowohl für die Stadtverwaltung als auch für die Bürgerinnen und Bürger von Frankenthal und die interessierte Öffentlichkeit weit über die Stadt hinaus. Vom 16. Jahrhundert bis heute aber ist eines immer gleichgeblieben: Im Mittelpunkt der Archivarbeit stehen die vielfältigen und spannenden Quellen zur Frankenthaler Stadtgeschichte von 1562 bis zur Gegenwart.
Weiterführende Literatur:
Gerhard Nestler, Frankenthal (Pfalz): Stadtarchiv. Geschichte, Aufgaben, Bestände, in: Unsere Archive. Mitteilungen aus den rheinland-pfälzischen und saarländischen Archiven 63 (2018), S. 10-14.