NS-Machtergreifung 1933

Eine Stadt wird braun. NS-Machtergreifung in Frankenthal 1933

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler, der Führer der NSDAP, von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung aus National-sozialisten, Deutschnationaler Volkspartei und Stahlhelm ernannt. In den folgenden Wochen nutzten er und seine Partei ihre neue Machtposition, um ihren Einfluss immer mehr auszuweiten. Am Ende dieses Prozesses stand die Zerstörung der Demokratie, die Uniformierung der deutschen Gesellschaft, die Herrschaft einer totalitären Partei, die Verfolgung und Terrorisierung Andersdenkender und schließlich der Zweite Weltkrieg, der von Hitler von Anfang an geplant war, und die Ermordung von Millionen Juden.

Was im Frühjahr 1933 in Frankenthal geschah, wie die Nationalsozialisten hier die Macht ergriffen und die städtische Gesellschaft durchdrangen, politische Gegner verfolgten, die Bürgermeister zum Rücktritt zwangen, missliebige Beamte entließen, den Stadtrat nach ihren Vorstellungen umbildeten, die demokratischen Parteien verboten oder zur Selbstauflösung zwangen, die Arbeitersport- und Arbeiterkultuvereine auflösten und alle anderen Vereine "gleichschalteten", wie man die Ersetzung nicht genehmer Vereinsvorstände durch NSDAP-Mitglieder oder NSDAP-Sympathisanten nannte, wird in der untenstehenden Chronik dokumentiert. Tag für Tag, jeweils das Ereignis, das auf den Tag genau vor 80 Jahren geschah.

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 29. April 1933

Meisterschaftsfeier bei den Kickers Frankenthal. Der 1. Vorsitzende Johannes Gütermann weist darauf hin, dass der Verein durch "Idealismus und nicht durch semitische Spenden in die Höhe gekommen" ist.

 

 25. April 1933

Den städtischen Beamten und Angestellten wird verboten, Mitglied einer Freimaurerloge zu sein.

Neue Bücher in der Stadtbücherei: Goebbels, Michael; Trenker, Der Rebell; Rosenberg, Mythos des 20. Jahrhunderts; Wendt, Hitler regiert; Schmidt-Pauly, Männer um Hitler; Czech-Jochberg, Hitler, eine deutsche Bewegung; Goebbels, Kampf um Berlin; Dommerfeldt, Hermann Göring; Ewers, Horst Wessel; Brand, Schlageter.

 22. April 1933

Das Bürgermeisteramt gibt bekannt: "Aus Kreisen der nationalen Bevölkerung Frankenthals kommen Klagen darüber, daß noch einzelne Angehörige der städtischen Beamten und Angestellten ihre Einkäufe in jüdischen Geschäften oder im Konsumverein tätigen." Bürgermeister Stepp erwarte, dass die städtischen Beamten und Angestellten und ihre Angehörigen diese Geschäfte in Zukunft "meiden". Sollte dies nicht der Fall sein, würden sie "durch entsprechende Maßnahmen an ihre nationalen Pflichten" erinnert.

Im Rathaus tritt der Wahlausschuss für die Neubildung des Stadtrates zusammen. Grundlage der Sitzverteilung ist das Frankenthaler Ergebnis der Reichstagswahlen vom 5. März. Wahlvorschläge haben das Wahlbündnis aus NSDAP und Kampffront Schwarz-Weiß-Rot sowie das Wahlbündnis der beiden katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei eingereicht. Die SPD, der eigentlich  9 Sitze zustehen, hat auf einen Wahlvorschlag – die Gründe sind nicht bekannt – verzichtet. Daraus ergibt sich folgende Sitzverteilung: für die NSDAP und die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 14 Sitze, für Zentrum und Bayerische Volkspartei 6 Sitze.

In Pfisters Festhalle findet ein "Deutscher Abend" der Frankenthaler NSDAP statt, bei dem noch einmal Hitlers Geburtstag gefeiert wird. Nicht immer, so Hans Scholl, der Ortsgruppenführer, in seiner Ansprache, seien die Veranstaltungen der NSDAP so gut besucht worden wie heute. Im Laufe des Abends wird eine Postkarte verkauft, die Hitler 1931 auf dem Weg ins Frankenthaler Landgericht zeigt, wo er als Zeuge aussagen musste.

 

Hitler 1931 auf dem Weg ins Frankenthaler Landgericht.

 

21. April 1933

Hauptausschusssitzung des FV Frankenthal: "Es bedarf keiner besonderen Erwähnung", so heißt es im Protokoll der Sitzung, "daß der Fußballverein schon seit seiner Gründung national ist und diese nationale Einstellung bis heute bewahrt hat. Es ist daher eine Selbstverständlichkeit, daß wir uns heute erst recht hinter die nationale Regierung stellen."

Aus Anlass von Hitlers Geburtstag wird um acht Uhr abends ein Fackelzug durch die Stadt organisiert, an dem SA, SS und Stahlhelm teilnehmen. Die Stadttore sind beleuchtet, die meisten Häuser geflaggt. Vor dem Hotel Lang, in dem sich Hitler 1931 aufgehalten hatte, bevor er als Zeuge in einem Separatistenprozess vor dem Landgericht aussagen musste, macht der Zug Halt. Nach einer Rede des kommissarischen Bürgermeisters Dr. Walther Stepp, wird die Bahnhofstraße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Sie sei die einzige Straße, die "des Führers Fuß schon betreten hat", so Stepp. Der Eintrag Hitlers in das Gästebuch des Hotels wird als Postkarte verkauft.

Eintrag Hitlers in das Gästebuch des Hotels Lang in Frankenthal, der 1933 als Postkarte verkauft wird.

 

In den Union-Lichtspielen wird der Film "Blutendes Deutschland" gezeigt, der das "Entstehen und Werden der NSDAP bis zu ihrem großen Sieg" dokumentiert.

In der "Nationalen Notküche", die die Nationalsozialisten eingerichtet haben, werden "Festessen" ausgegeben und jedes Kind erhält extra noch eine Orange.

Am Vormittag hatte die erste Sitzung des Sondergerichts beim Landgericht stattgefunden. Der Kernmacher Friedrich Knell aus Oggersheim wurde wegen Besitzes einer Handgranate zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteil

 20. April 1933

Im Saal von Fritz Christmann in Mörsch findet aus Anlass des Geburtstages von Hitler eine Versammlung der NSDAP statt. Unter den Rednern befindet sich auch der katholische  Pfarrer Schwind. Hitler möge es gelingen, so sagt er, "sein begonnenes Werk zu vollenden."

 

 

19. April 1933

SA und Hitlerjugend führen in der Stadt eine Sammlung durch. "Die Spenden sollen unseren Erwerbslosen zugutekommen". 3000 Mark kommen zusammen.

 

 18. April 1933

Der kommissarische 2. Bürgermeister Eduard Reidenbach (NSDAP) wird wegen einer Krankheit vier Wochen beurlaubt. In dieser Zeit führt der Kassierer der Kreis-Heil- und Pflegeanstalt Julius Klein, ebenfalls Nationalsozialist, die Geschäfte des 2. Bürgermeisters.

Der Frankenthaler Gastwirteverein tritt geschlossen dem nationalsozialistischen "Kampfbund für den gewerblichen Mittelstand" bei.

 

13. April 1933

Das Bürgermeisteramt teilt mit, dass es den Geschäften der Stadt von heute an verboten ist, den Kunden Rabatte oder Zugaben zum Einkauf zu gewähren. Dies hatten vor allem die größeren Geschäfte wie Tietz in der Wormser Straße oder der Kaufhof an der Ecke Wormser Straße und Ludwigstraße (heute August-Bebel-Straße) eingeführt und war von den kleineren Händlern und Geschäftsinhabern seit langem kritisiert worden. Die Abschaffung des "Rabatt- und Zugabewesens" gehörte zu den zentralen Forderungen des nationalsozialistischen "Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand".

Der Frankenthaler Marktplatz, links der Kaufhof.

 Der Frankenthaler Marktplatz, links der Kaufhof.

 

9. April 1933

Bei der Gründung der "Notgemeinschaft Pfälzer Künstler" in Neustadt wird der Frankenthaler Bildhauer Walther Perron in den Vorstand der Fachgruppe Bildhauer gewählt. Man beschließt, "endlich Schluß zu machen mit allem Volksfremden … und sich zu der Kunst Adolf Hitlers zu bekennen".

 

8. April 1933

Der Verein für Aquarien- und Terrarienkunde "Gasterosteus" stellt sich "freudigen Herzens voll und ganz hinter die Nationale Regierung" und beschließt in seiner Mitgliederversammlung in Zukunft bei Festlichkeiten neben "den ruhmreichen Farben Schwarz-weiß-rot" das Hakenkreuz zu hissen.

 

7. April 1933

Der Frankenthaler Stadtrat wird auf der Basis des Frankenthaler Wahlergebnisses der Reichstagswahl vom 5. März umgebildet. Grundlage ist das "Gesetz über die Gleichschaltung der Länder und Gemeinden mit dem Reich". Die NSDAP erhält 9 Sitze, die SPD ebenfalls 9, Zentrum und Bayerische Volkspartei 5  und die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot, der Zusammenschluss von DNVP und Stahlhelm, 1 Sitz. Die am 5. März für die KPD abgegebenen Stimmen werden nicht berücksichtigt.

Krankenhausdirektor Dr. Wolfgang Merckle verzichtet "freiwillig" auf einen Teil seines Gehaltes.

 

Das Frankenthaler Krankenhaus, Ecke Foltzring/Elisabethstraße

 Das Frankenthaler Krankenhaus, Ecke Foltzring/Elisabethstraße

 

6. April 1933

Für das Arbeitsbeschaffungsprogramm "Ableitung der Abwässer in den Neurhein" erhält die Stadt Frankenthal vom Staatsministerium des Inneren in München 500.000 Reichsmark.

 

 5. April 1933

Der Beauftragte für die Volksbücherei der Stadt Frankenthal, Eduard Ristelhuber, teilt mit: "Es war dringend notwendig die hiesige Volksbücherei einer gründlichen Durchsicht zu unterziehen. Wie in anderen Orten mußte dabei auch bei der Frankenthaler Volksbücherei die Feststellung gemacht werden, daß das gute und völkische Schrifttum in einer so bescheidenen Zahl vorhanden ist, daß es notwendig erscheint, nun das nachzuholen, was Herr (Bürgermeister) Zaun als Vorsteher der Volksbücherei bisher absichtlich versäumt hat. Deshalb wurde alle pazifistische und marxistische Literatur sowie die höchst zweifelhaften Erzeugnisse jüdischer Schreiberlinge sofort entfernt und die Bahn endlich frei gemacht für die Werke, die uns die Führer und Gestalter des Dritten Reiches in den letzten 14 Jahren geschenkt haben." Im Lesesaal der Bücherei wird anstatt der "Frankfurter Zeitung" – "dieses jüdische Weltblatt" – künftig der "Völkische Beobachter" ausgelegt. "Das Volk", so Ristelhuber abschließend, "soll erkennen, daß die deutsche Revolution marschiert und daß dem Gedanken Adolf Hitlers allmählich in allen Institutionen eine Gasse geschaffen wird."

 

4. April 1933

Der Arbeiter-Samariterbund und die Freireligiöse Gemeinde Frankenthal werden durch Beschluss des kommissarischen 1. Bürgermeisters aufgelöst, die vorhandenen Vereinsvermögen beschlagnahmt. Als Grund wird angegeben, "daß die Mitglieder marxistischen Organisationen angehören oder solchen nahestehen und deshalb keine Gewähr gegeben ist, daß die Tätigkeit und die Ziele der beiden Vereine nicht gegen die Regierung gerichtet sind."

 Krankenwagen des Arbeiter-Samariter-Bundes Frankenthal, der von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurde.

Der von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Krankenwagen des Arbeiter-Samariterbundes Frankenthal.

 

 Der jüdische Landgerichtsrat Dr. Emil Rosenberg wird "bis auf Weiteres" beurlaubt.

In einer Versammlung des Volksbildungsvereins werden die beiden Lehrer Eduard Ristelhuber und Karl Kleiber beauftragt, die Reorganisation des Vereins in die Wege zu leiten. Der Verein will von nun an "ohne Vorbehalt am Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes mitarbeiten".

In einer Versammlung des nationalsozialistischen "Kampfbundes des gewerblichen Mittelstandes", der in Frankenthal bereits 300 Mitglieder hat, werden folgende Forderungen aufgestellt: Einstellung des Wurstverkaufs in den Warenhäusern, Auflösung der Konsumbäckereien, Beseitigung der Zigarettenautomaten in den Gaststätten, Beseitigung des städtischen Fuhrparks.

In einer Vorstandssitzung der Freiwilligen Feuerwehr gibt Kommandant Klingel bekannt, dass der Abteilungsführer Vogtländer am 20. März sein Amt wegen seines hohen Alters zur Verfügung gestellt hat. "Die nationalsozialitische Umwälzung", so Klingel weiter, "habe alles hinweggefegt, was nicht national sei. Herr Vogtländer gehört aber der Sozialdemokratischen Partei an. Das war wohl der tiefere Grund für seine Amtsniederlegung". Es müsse aber anerkannt werden, "daß Herr Vogtländer, obwohl er einer anderen politischen Partei angehört habe, innerhalb der Wehr stets neutral war und dem allgemeinen Interesse gedient hat".

 

3. April 1933

Der jüdische Augenarzt und Sanitätsrat Dr. Ernst Rahlson, der im Städtischen Krankenhaus seit Jahren die Augenabteilung betreut, wird "beurlaubt".

Dr. Ernst Rahlson

Dr. Ernst Rahlson

 

 1. April 1933

In der Taubstummenschule wird ein neues Schulgebet eingeführt: "Lieber Gott, beschütze und segne uns und das ganze deutsche Volk. Gib dem Reichspräsidenten und dem Reichskanzler immer Gesundheit und Kraft zu ihrer schweren Arbeit. Beschütze unser liebes Vaterland vor allen Feinden. Bewahre uns vor Unglück."

Die Frankenthaler Taubstummenschule in der Mahlastraße, heute das Mehrgenerationenhaus.

 

 

 
 

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