NS-Machtergreifung 1933

Eine Stadt wird braun. NS-Machtergreifung in Frankenthal 1933

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler, der Führer der NSDAP, von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler einer Koalitionsregierung aus National-sozialisten, Deutschnationaler Volkspartei und Stahlhelm ernannt. In den folgenden Wochen nutzten er und seine Partei ihre neue Machtposition, um ihren Einfluss immer mehr auszuweiten. Am Ende dieses Prozesses stand die Zerstörung der Demokratie, die Uniformierung der deutschen Gesellschaft, die Herrschaft einer totalitären Partei, die Verfolgung und Terrorisierung Andersdenkender und schließlich der Zweite Weltkrieg, der von Hitler von Anfang an geplant war, und die Ermordung von Millionen Juden.

Was im Frühjahr 1933 in Frankenthal geschah, wie die Nationalsozialisten hier die Macht ergriffen und die städtische Gesellschaft durchdrangen, politische Gegner verfolgten, die Bürgermeister zum Rücktritt zwangen, missliebige Beamte entließen, den Stadtrat nach ihren Vorstellungen umbildeten, die demokratischen Parteien verboten oder zur Selbstauflösung zwangen, die Arbeitersport- und Arbeiterkultuvereine auflösten und alle anderen Vereine "gleichschalteten", wie man die Ersetzung nicht genehmer Vereinsvorstände durch NSDAP-Mitglieder oder NSDAP-Sympathisanten nannte, wird in der untenstehenden Chronik dokumentiert. Tag für Tag, jeweils das Ereignis, das auf den Tag genau vor 80 Jahren geschah.

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30. Juni 1933

Ludwig Deutsch, Oskar Hirsch, Karl Gustav Lerch, Theodor Brodesser, Ludwig Kohl, Hans Keller und Heinrich Müller werden in "Schutzhaft" genommen. Ludwig Kohl und Hans Keller waren Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), bei den anderen sind die Gründe für die Verhaftung nicht bekannt.

Die inhaftierten Zentrums- und BVP-Politiker, die ihre Stadtratsmandate niedergelegt haben, werden aus der "Schutzhaft" entlassen.

Die Frankenthaler Ortsgruppe des "Volksvereins für das katholische Deutschland" löst sich auf.

 

 29. Juni 1933

Stadtratssitzung. Da die Mitglieder der Fraktion von Zentrum und BVP, die sich alle in "Schutzhaft" befinden, ihre Mandate niedergelegt hatten, besteht der Stadtrat nur noch aus Nationalsozialisten. "Die Sitzung war nach kurzer Dauer beendet", schreibt die "Frankenthaler Zeitung", "da alle Punkte der umfangreichen Tagesordnung ohne Aussprache erledigt wurden".

Der Ratssaal, in dem die Stadtratssitzungen stattfanden. Er befand sich im 1. Obergeschoß über dem Erkenbertmuseum, der heutigen Erkenbertruine.

Der Ratssaal, in dem die Stadtratssitzungen stattfanden. Er befand sich im 1. Obergeschoss über dem Erkenbertmuseum, der heutigen Erkenbertruine.

 

27. Juni 1933

Ludwig Weyland vom Gaswerk, Buchhalter Johannes Schlupp von der Stadtsparkasse, Bauamtsdirektor Konrad Thiery, Obergärtner Eduard Lübbe, Stadteinnehmer Heinrich Fuchs, Bauführer Jakob Baumann, Stadtobersekretär Heinrich Böhmer, Gemeindedienstanwärter Nockel, Sparkassenangestellter Karl Zimmermann, Polizeihauptwachtmeister Reinhold Biering, Obersteuersekretär Ernst Wolf, Rechtsanwalt Dr. Robert Blum und Rechtsanwalt Emil Schreiner werden in "Schutzhaft" genommen. Die Gründe werden in der Presse nicht genannt.

 

26. Juni 1933

Die Stadträte Dauth, Mappes, Brein, Christmann und Berthold der beiden katholischen Parteien Zentrum und BVP werden in "Schutzhaft" genommen.

Der Neumayerring in Frankenthal. Rechts hinten das Gefängnis, in das die Schutzhäftlinge gebracht wurden.

Der Neumayerring. Rechts hinten das gefängnis, in das die "Schutzhäftlinge" gebracht wurden.

 

 25. Juni 1933

Eine Abordnung des Kampfbundes des gewerblichen Mittelstandes fordert von Bürgermeister Stepp die Entlassung mehrerer Beamter der Stadtverwaltung, da sie nicht voll und ganz hinter der "nationalen Regierung" stünden.

Im "Frankenthaler Katholischen Kirchenblatt"  wird eine Anzeige des jüdischen Möbelhauses Julius Abraham, Wormser Straße 27, veröffentlicht. Die beiden Frankenthaler Tageszeitungen hatten schon seit Wochen keine Anzeigen von jüdischen Geschäften mehr aufgenommen.

 

23. Juni 1933

Schreiben des Eppsteiner Bürgermeisters Stauffer an August Magin: "Trotzdem die marxistische Organisation der 'Eisernen Front' schon längst verboten ist, haben Sie immer noch deren Abzeichen (3 Pfeile) an Ihrer Scheune angebracht. In Ihrem eigenen Interesse ersuche ich um Entfernung derselben binnen 3 Tagen.

 

22. Juni 1933

Bei den führenden Mitgliedern der katholischen Parteien Zentrum und BVP werden Hausdurchsuchungen durchgeführt.

In der Kasino-Gesellschaft, Speyerer-Straße 37, findet eine Ausstellung des Münchener Malers Carl A. Korsthaus statt. Die Bilder von Korsthaus, so der Vorsitzende des Kampfbundes für deutsche Kultur in Frankenthal, der Lehrer Eduard Ristelhuber, zeigten "nicht Zerstörung, nicht turbulente Kleckserei und Fragmente und tendenziöse Auswüchse einer kranken Zeit … nein – Gott sei Dank – ein begnadetes Schaffen aus deutscher Seele geboren".

 

21. Juni 1933

Protestversammlung der NSDAP, der NSBO und des Kampfbundes für den gewerblichen Mittelstand gegen die international Arbeitskonferenz in Genf, bei der eine Resolution gegen das NS-Regime verabschiedet worden war.

 

13. Juni 1933

Der kommissarische 2. Bürgermeister Reidenbach wird bis auf weiteres aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt. Nachfolger ist der Rechtsanwalt Dr. Straub.

 

8. Juni 1933

Die Ortsgruppe Frankenthal des Pensionistenbundes wird gleichgeschaltet.

 

7. Juni 1933

In Eppstein wird die DJK verboten, weil ihre Mitglieder fast alle den beiden katholischen Parteien Zentrum und BVP nahestehen und sich gegenüber der NSDAP "in provozierender Weise" verhalten hätten. So hätten sie sich in Anwesenheit von SA-Männern demonstrativ mit dem Zentrumsgruß "Treu-Heil" gegrüßt.

 

2. Juni 1933

Die bisher existierenden zwölf Ausschüsse des Stadtrates werden auf sechs reduziert, um den "Aufwand an Arbeit, Zeit und Material" zu verringern.

 

1. Juni 1933

Lichtbildervortrag der NSDAP im Horst-Wessel-Heim, dem ehemaligen Turnerheim der VT, das von der SA beschlagnahmt wurde. Es spricht "Pg." Wittmann von der Marinekameradschaft über die deutsche Hochseeflotte

 

30. Mai 1933

Einigen Pensionären der Stadtverwaltung werden die Pensionen gekürzt. Der ehemalige Sparkassendirektor Knecht lehnt dies ab. "Die Kürzung wird dennoch durchgeführt" heißt es in einer Bekanntmachung der Stadtverwaltung.

 

29. Mai 1933

Das Arbeitgeberkartell wird gleichgeschaltet.

 

27. Mai 1933

Sitzung des Frankenthaler Stadtrates. Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Stepp ergreift Stadtrat Reich von der NSDAP das Wort und betont, dass im Stadtrat immer noch eine Frau – Maria Kraus von der Fraktion des Zentrums und der BVP – anwesend sei, nach Meinung der Nationalsozialisten Frauen aber "woanders hingehörten als in ein Parlament". Wenn Frau Kraus nicht ihr Mandat niederlege, boykottiere seine Fraktion die Sitzung. Maria Kraus verließ daraufhin die Sitzung.

 

26. Mai 1933

Der Hausbesitzerverein hält seine Mitgliederversammlung ab, in der der Verein "gleichgeschaltet" wird, wie die Ersetzung der alten Vorstandschaft durch NSDAP-Mitglieder oder NSDAP-Sympathisanten genannt wird.

 

22. Mai 1933

Der Frankenthaler Franz Hüther wird in "Schutzhaft" genommen. Er hatte 1923/24 die separatistische Bewegung unterstützt und war 1930 nach dem Ende der französischen Besatzung der Pfalz nach Frankreich emigriert, im Frühjahr 1933 aber nach Frankenthal zurückgekehrt.

 

20. Mai 1933

Auch der Festakt zur 150-Jahrfeier der Karolinenschule wird mit einem "dreifachen Sieg-Heil auf den Reichskanzler und den Reichspräsidenten" beendet.

Die Frankenthaler Karolinenschule

 Die Karolinenschule Ecke Karolinenstraße/Mehringstraße

 

 17. Mai 1933

Eine Rede Hitlers wird von der Geschäftsstelle der "Frankenthaler Zeitung" per Lautsprecher übertragen.

Mitgliederversammlung des Turnvereins. Am Schluss singen die Anwesenden nach einem "herzlichen Sieg-Heil auf Reichspräsident v. Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler begeistert das Horst-Wessel-Lied".

 

 15. Mai 1933

Auf der Suche nach illegalem kommunistischem Material kontrolliert die Polizei sämtliche Frankenthaler Spediteure und Transportgeschäfte, wird aber nicht fündig.

Bei der Evangelisch-Protestantischen Vereinigung Frankenthal wird in Anwesenheit des Ortsgruppenleiters der NSDAP Scholl ein neuer Vorstand gewählt. Scholl betont, dass mindestens 51 Prozent der Vorstandsmitglieder Nationalsozialisten sein müüssen.

 

 14. Mai 1933

Die DJK Eppstein organisiert eine Wallfahrt nach Oggersheim. Als die Teilnehmer das Haus am Vorsitzenden der NSDAP-Zelle Rudolf Stauffer vorbeimarschieren, erheben sie geschlossen die Hände zum Zentrumsgruß "Treu Heil" und machen so die Wallfahrt zu einer offenen Demonstration für die katholische Zentrumspartei.

 

 12. Mai 1933

Schreiben des Sozialdemokraten Karl Riedel an seinen Parteifreund Karl Forthuber: "Lieber Freund, infolge der vorgestern verfügten Beschlagnahme des Gesamtvermögens der SPD und ihrer Presse ist praktisch jede weitere politischen Betätigung aufgehoben. Damit ist meine Dir gegenüber wiederholt geäußerte Ansicht von der Zwecklosigkeit der Weiterführung der Parteiarbeit vollkommen bestätigt worden. Als richtig gezeigt hat sich auch die von uns aufgrund dieser Auffassung geübte Passivität: Verzicht auf Kandidatenaufstellung [für den Stadtrat] und Einstellung der Unter[bezirks]kassierarbeit (…) Wir haben lange Jahre unermüdlich und unter Opfern für die Unterdrückten das Beste gewollt; mögen es jetzt andere mit größerem Erfolg tun! Finden wir uns mit dem Schicksal unserer Bewegung ohne Resignation ab; die Geschichte hat ihre eigenen Gesetze. Die Partei wird sterben – es lebe der Sozialismus".

 

 10. Mai 1933

Die Kriminalpolizei beschlagnahmt das Vermögen der Frankenthaler SPD.

 

 9. Mai 1933

Die Beschwerde des Kaufhauses Tietz gegen die Schließung der Lebensmittelabteilung des Kaufhauses wird von der Speyerer Kreisregierung zurückgewiesen, "weil aus der Erbitterung weiter Volkskreise über die Fortführung dieser Verkaufsabteilung heraus Demonstrationen zu befürchten waren, wodurch die öffentliche Ruhe und Sicherheit in hohem Masse gefährdet erschien".

 

 5. Mai 1933

Jahres-Hauptversammlung des FV Frankenthal. Der neugewählte Vorsitzende August Lang betont, dass der Fußballverein "rückhaltlos hinter der nationalen Regierung und ihrer Führung" steht. Die Einnahmen des Fußballspiels gegen Heidelberg-Rohrbach am 1. Mai werden der NSDAP gestiftet.

Im Capitol wird ab heute der Film "Schwarzhemden" über den Sieg des Faschismus in Italien gezeigt.

Anzeige aus der "Frankenthaler Zeitung".

 

 2. Mai 1933

Die Frankenthaler Schülerinnen und Schüler versammeln sich aus Anlass des  gestrigen "Tages der nationalen Arbeit" auf den Schulhöfen, wo die Direktoren der Schulen in Ansprachen auf den "Wert der deutschen Arbeit" hinweisen. Es werden kostenlos Brezeln verteilt.

Der Geschäftsführer des Metallarbeiterverbandes, Christian Thumm, wird in "Schutzhaft" genommen.

Um zwei Uhr versammeln sich die Arbeiter und Angestellten aller Frankenthaler Firmen auf dem Marktplatz, wo ihnen die Übernahme der Freien Gewerkschaften durch die nationalsozialistische NSBO bekanntgegeben wird.

 

1. Mai 1933

Der 1. Mai wird von den Nationalsozialisten zum "Tag der nationalen Arbeit" und zum Feiertag erklärt. Er beginnt mit einem Gottesdienst in der St. Dreifaltigkeitskirche und einer Predigt von Dekan Haußner. Danach ziehen SS, SA, die Leitung der NSDAP, Post- und Bahnbedienstete, die Arbeiter und Angestellten von Albert, KSB, KKK, der Zuckerfabrik, von Balcke, des Brauhauses, der Behörden und der Stadt, die Siedler der Ostparksiedlung, der Freiwillige Arbeitsdienst, die Arbeitslosen und zahlreiche andere Gruppen durch die Stadt. Um zwei Uhr findet in der Festhalle eine große Maifeier statt. Vor der Halle sind Schieß- und Verkaufsbuden aufgestellt. Der Tag endet mit einem Fackelzug.

Während des Fackelzuges reißen zwei 19 Jahre alte Burschen, die Mitglieder des Reichsbanners waren, an mehreren Häusern in der Stadt Hakenkreuzfähnchen herunter. Sie werden verhaftet.

Aufmarsch zum 1. mai in der Wormser Straße.

Aufmarsch zum 1. Mai in der Wormser Straße

 

 
 

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