Rahlson, Dr.

Bild von dr.Ernst RahlsonBericht von Gertrud Wetzel in „Frankenthal einst und jetzt“ 3/1976 siehe auch 3/1971

Vater Ernst Rahlson, getaufter Jude, am 16. Mai 1871 in Berlin geboren, studierte in Bonn und Freiburg Medizin, war Schiffsarzt bei der Hapag, wurde Augenarzt und ließ sich 1898 in Frankenthal nieder, wo er bis 1938 wohnte und praktizierte, bis man ihm seine Anerkennung als Arzt (Approbation) entzog.

Sein erstes Domizil war das Haus Kreplie, Speyerer Straße 50. Seine Mutter führte ihm den Haushalt. Sie war eine so jugendliche Erscheinung, dass die Frankenthaler sie zunächst für die Ehefrau des jungen Doktors hielten. Späteres Domizil der Rahlson-Familie wurde das von ihr im Jahre 1912 erbaute Haus Foltzring 15.

Ernst Rahlson war nicht nur ein tüchtiger Augenarzt, er hat in vielen Organisationen tätig gewirkt und Initiativen entfaltet. So markierte er als Student in Freiburg die ersten Wanderpfade im südlichen Schwarzwald. 25 Jahre lang war er Mitglied des D.Ö. Alpenvereins. In der Bayerischen Ärztekammer hat er mitgearbeitet. Im Frankenthaler Casino fungierte er als gewählter Buchkritiker. Als Mitglied und Förderer betätigte er sich in den Dombauvereinigungen von Köln und Mainz.

Er war Mitglied des Vereins für das Deutschtum im Ausland. Kulturelle aufgeschlossen war er über 25 Jahre Abonnent im Nationaltheater Mannheim, das ihn in seinem Jubiläumsbuch aufführt. Auch den Akademiekonzerten in Mannheim und den Konzerten des Pfalzorchesters war er ein dankbarer und treuer Zuhörer.

Bei der Reichsbahn setzte er in zähen Verhandlungen durch, dass die Zugabfahrten ab Ludwigshafen so gelegt wurden, dass die Frankenthaler die Veranstaltungen nicht vorzeitig verlassen mussten.

Die große Dominante seines Lebens war die Lieber zur Musik. Selbst ein ausgezeichneter Pianist, musizierte er leidenschaftlich gern. Mit seiner Frau gemeinsam sang er im Frankenthaler Cäcilienverein, in dem er auch wichtige Funktionen bekleidete. Und diese Liebe zur Musik zieht sich wie ein roter Faden durch die Rahlson-Generationen.

Am 1. September 1913 wurde das einzige Kinder der Rahlsons, der Sohn Erich geboren. Früheste Kindheitserinnerungen verbinden sich mit dem Ersten Weltkrieg: Fliegerangriff, der Abschuss eines feindlichen Flugzeugs durch einen deutschen Kampfflieger, die Musterung von Pferden für die Front im Foltzring, der Rückmarsch der deutschen Truppen. Auf dem Bordstein sitzend bestaunte das Kind die exotische Schar der einmarschierenden Senegalesen, Spahis, Fremdenlegionäre, hört die fremden Klänge der Clairons. Französische Einquartierung im Elternhaus und bei Großmutter Rahlson in der Gartenstraße machen die Besatzungszeit zu einem persönlichen Erlebnis. Eine glückliche Kindheit, beschützt von liebenden Eltern und Großeltern, hüllen diese Jahre in Sonnenschein.

Ihnen folgen vier Volksschuljahre, die ein gütiger Lehrer, Herr Ludwig Baier, zueiner Freude macht. Die Gymnasialzeit bringt während der Entwicklungsjahre einige Schwierigkeiten. Da sind Terrarium- und Aquariumsverein, Pfadfinderbewegung und Alpenverein, Ruderverein und Tennisclub sowie eine frühe junge Liebe, viel wichtiger als die ungeliebten Schulaufgaben. Am Frankenthaler Progymnasium sind ihm zwei Professoren eine große Stütze, die Herren Hecht und Sturm. Mit Karl Hecht stand Erich Rahlson bis zu dessen Tod in enger Verbindung.

Dann kommt Rahlson nach Ludwigshafen in die Schule. Ich erinnere mich noch gut der Unter-sekunda, in der wir gemeinsam im Humanistischen Gymnasium die Schulbank drückten, ein-en Sadisten als Klassenlehrer vor uns und die Angst vor dem drohenden Nationalsozialismus im Nacken. Schließlich besteht Erich Rahlson das staatliche Abitur mit Erfolg in Karlsruhe, aber das Dritte Reich war ausgebrochen und der Weg zur Universität versperrt. Ein groß-zügiger NS-Studentenführerermöglicht noch das Ingenieursstudium an der Mannheimer Ingenieursschule und seinen Abschluss.

Doch der Weg in die Verfolgung und Isolation hatte bereits begonnen. An die Hauswand wurde groß „Saujud“ geschmiert, die Mutter wurde krank vor Angst und Gram.
Trost in diesen Jahren gaben der kleine Freundeskreis in der „Grotte“ von Peter Wenz und das literarische Gespräch bei Karl Bechtelsheimer in seiner Buchhandlung mit dem gemüt-lichen Wohnzimmer hinter dem Laden. 

Im Sommer 1938 fuhr Erich Rahlson nach kurzem Gastspiel beim 9. Pionierbataillon in Worms für drei Monate nach Amerika zu seinem Onkel. Und - Grausamkeit des
Schicksals - am 9. November 1938 fuhr er in der Nacht von Holland nach Deutschland zurück, in jener Nacht, als die Synagogen in Flammen aufgingen und nationalsozialistischer Pöbel die jüdischen Geschäfte ausplünderte undzerstörte. Dieses Fanal verhinderte die versprochene Anstellung als Ingenieur, die der eigentliche Grund seiner Rückkehr war; denn einen Halbarier oder Halbjuden einzustellen, das konnte sich keine Firma mehr leisten.

Erich Rahlson nahm Abschied von Deutschland, ging nach der „Reichskristallnacht“  den schweren Gang in die Emigration in die USA. Seine Entwurzelung, seine Trauer und Resig-nation klagen aus vielen Gedichten dieser trüben Jahre. In der Poesie versucht er, mit seinem Schicksal fertig zu werden.

Seine geliebten Eltern sollte er nicht mehr wiedersehen. Es war ein Abschied für immer. Vater Rahlson wurde 1938 die Approbation entzogen, der Kreis der Freunde und Patienten war so-wieso immer kleiner geworden. Tief verwundet zogen sich die Rahlsons in ihre Schale zurück. Nur wenige „Mutige“ fanden noch den Weg zu ihnen. Das Haus wurde verkauft – nicht ganz freiwillig. Von dem Kaufpreis in Höhe von 45 000 Reichsmark durften Dr. Rahlson nur 20 000 Reichsmark ausgezahlt werden. Das Ehepaar zog nach Heidelberg, gemeinsam mit der treuen Haushälterin Lina, mit der Erich Rahlson heute noch in Verbindung steht. Doch Frau Rahlsons Herz war gebrochen. Im Oktober 1939 raffte sie ein Herzanfall dahin.

Nun war der Jude Dr. Rahlson völlig schutzlos. Zunächst nahmen ihm die Nazis die Wohnung in der Handschuhsheimer Straße weg, und er zog in die Kußmaulstrasse. Schließlich wurde dem alten Mann auch die treue Haushälterin weggenommen, die ja arisch war und deshalb bei einem Juden nicht mehr arbeiten durfte.

Am 11. Januar 1944 wurde er in das KZ Theresienstadt deportiert und am 17. Januar 1944 dort ermordet. Vorher zwangen ihn die Schergen des Dritten Reiches, diesen Satz zu  unterschreiben: „Ich bin ein Staatsfeind, und aus diesem Grund verfällt mein Vermögen dem Deutschen Reich.“

Amerika, der neue Kontinent, bettete den Neuankömmling nicht auf Rasen. In harter Arbeit
musste er eine Existenz aufbauen, bis er schließlich ein eigenes Ingenieurbüro in Des Moines im Staat Iowa eröffnete. Im Firmenkopf befindet sich der Eckstein des Frankenthaler Wap-pens, Erinnerung an die verlorene Heimat.

Privat hatte Erich Rahlson das große Glück, in Amerika eine Lebensgefährtin zu finden, die ihm den Glauben an den Sinn des Lebens und die Fähigkeit zum Glücklichsein wiedergab. Rosemary Stier, Nachfahre deutscher Einwanderer aus Hannover im Jahr 1850, wurde seine Frau und Mutter dreier Kinder, der Söhne Peter und Lancesowie der Tochter Erika. Und alle, Eltern und Kinder, hochmusikalisch. Mutter Rosemary spielt Violoncello. Sie war fast 20 Jahre Cellistin im Des-Moines-Sinfonieorchester und beteiligt sich noch heute oft an  Streichquartet-ten. Peter bläst Posaune und Lance spielt Bassgeige. Er studiert Musik an der Drake-Univer-sität in Des-Moines sowie an der Universität des Staates Indiana. Mein Mann erinnert sich noch gern der Stunden, wenn Erich nach gemeinsam besuchtem Sprachkurs im Mannheimer Parkhotel den einen der beiden Pianisten ablöste und nahtlos mit dem zweiten Pianisten weiterjazzte.

Erich Rahlson ist ein guter Amerikaner geworden, der stolz auf seine neue Heimat ist. Er hat heute einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, darunter viele jüdische Auswanderer aus Deutschland. Seine Kinder sind waschechte Amerikaner und inzwischen erwachsene Men-schen. Der älteste Sohn, Peter, ist bereits verheiratet – mit einer Rumänin – und hat sein akademisches Studium in Sonderschulpädagogik und Psychologie abgeschlossen. Er ist zur-zeit mit seiner Doktorarbeit beschäftigt.

Lance gewann das begehrte „Fullbright-Stipendium“ und setzt seit September dieses
Jahres sein Studium in Wien fort. Erika studiert Germanistik und steht kurz vor dem Abschluss-Examen. Danach will sie längere Zeit nach Deutschland, um ihre Sprachkenntnisse zu vervollkommenen. 

Doch die Bindung an des Vaters Heimat ist in ihnen allen lebendig. Erika und Peter besuchten in Deutschland Goethe-Institute zur Erlernung der deutschen Sprache. Und wenn immer den Vater Erich Rahlson oder die Kinder der Weg nach Deutschland oder über Deutschland in andere Länder führte, war ein Besuch in Frankenthal dabei.



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 



 






 

 
 

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