Forschungsprojekt "Stadtgeschichte"Eine neue Stadtgeschichte für FrankenthalDie Beschäftigung mit Geschichte ist seit jeher wesentliches Element menschlicher Kultur. Geschichtsschreibung, so formulierte kürzlich der Wiener Historiker Gebhard Selz "vermittelt Kenntnisse und Erkenntnisse über den Menschen als kulturschaffendes Wesen; daher ist sie für das Selbstbild unserer Gesellschaften und Individuen entscheidend. Die von der Geschichtsschreibung entworfenen Modelle, das Erinnern, bilden eine Voraussetzung für verantwortliches Handeln – und somit eine Voraussetzung von Mündigkeit". Dies gilt auch für Städte und Gemeinden. Um eine Kommune in ihrer historisch gewachsenen Vielfalt verstehen und ihre Zukunft gestalten zu können, bedarf es der fundierten Kenntnis und Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit. Es ist daher Aufgabe einer Kommune, so heißt es in einem Positionspapier des Deutschen Städtetages vom Mai 2005, durch historische Bildungsarbeit den Bürgerinnen und Bürgern ein wissenschaftlich abgesichertes Bild der Vergangenheit bereit zu stellen. Die Beschäftigung mit lokaler Geschichte trägt nicht nur zur Intensivierung und Differenzierung der historischen Forschung bei, sondern stärkt in gleichem Maße die emotionale Identifikation des Bürgers mit seiner Gemeinde, weckt Verbundenheit und Heimatgefühl, stiftet Identität und wirkt sozial integrativ. Es ist daher nicht überraschend, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte auch in Frankenthal eine lange Tradition besitzt und wichtiger Teil der kommunalen Kulturpolitik ist. In Zusammenarbeit mit dem Frankenthaler Altertumsverein unterhält die Stadt ein hauptamtlich geleitetes stadtgeschichtliches Museum, gibt mit "Frankenthal einst und jetzt" seit fast 50 Jahren eine kulturelle Zeitschrift mit stark lokalgeschichtlichem Zuschnitt heraus und unterstützt oder finanziert immer wieder stadtgeschichtlich relevante Projekte.
Der Stadtrat hat daher in seiner Sitzung vom 5. April 2006 den Grundsatzbeschluss gefasst, eine neue, wissenschaftlich fundierte Gesamtdarstellung der Frankenthaler Stadtgeschichte zu veröffentlichen, und die Verwaltung beauftragt, ein inhaltliches Konzept zu erarbeiten. Das geplante Buch soll einen detaillierten Überblick über die Entwicklung Frankenthals von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart geben. Sie soll lokale Geschichte in historische Gesamtzusammenhänge stellen, Kontinuitäten und Brüche aufzeigen, Sonderentwicklungen analysieren, bisher vernachlässigte Zeitabschnitte und Themen verstärkt ins Blickfeld rücken und alle Teilbereiche urbanen Lebens dokumentieren – Politik, Verwaltung, Bevölkerung und Wirtschaft ebenso wie Kultur, Religion, Schule, Städtebau und Alltagsleben. Auf diese Weise soll neben der rein historischen Deskription die Funktion der Stadt als einheitliches, wenn auch in sich oft widersprüchliches soziales, ökonomisches und kulturelles Gebilde deutlich und ihre Kontinuitäten und Veränderungen über die Jahrhunderte hinweg dokumentiert werden. Erscheinen soll die neue "Geschichte der Stadt Frankenthal" im Herbst 2012.
Das Konzept des BuchesDas geplante Buch soll einen detaillierten Überblick über die Entwicklung Frankenthals von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Gegenwart geben, d.h. es sollen – was in der bisherigen Literatur und Forschung nicht geschehen ist ‑ ohne Ausnahme alle Phasen der Stadtgeschichte berücksichtigt und entsprechend ihrer Bedeutung behandelt werden. Es soll sich nicht darauf beschränken, den aktuellen Forschungsstand zur Frankenthaler Stadtgeschichte noch einmal wiederzugeben, sondern es soll so weit wie möglich alle existierenden Quellen erfassen und auswerten und so eine umfassende und breit angelegte Analyse der lokalen Geschichte erarbeiten. Es soll alle Aspekte und Teilbereiche urbanen Lebens berücksichtigen und entsprechend ihrer Bedeutung dokumentieren, also auch solche, die von der Forschung bislang eher vernachlässigt wurden. Zu analysieren sind u. a. die Themenbereiche: Politik, Verwaltung, Bevölkerung, Wirtschaft, Kirche und Religion, Kultur, Sport, Schule, Stadtentwicklung und Städtebau, Alltag, Vereinsleben. Das geplante Buch soll die Geschichte der Stadt Frankenthal in engem Zusammenhang mit Regionalgeschichte, Landesgeschichte und nationaler Geschichte dokumentieren. Die Geschichte einer Stadt ist als isoliertes Phänomen nicht verständlich. Sie ist immer verwoben in ein größeres Ganzes: die politischen, wirtschaftlichen und historischen Strukturen und Entwicklungslinien einer Region, eines Landes bzw. einer Nation. Örtliche Erscheinungen müssen stets als Teil eines umfassenden historischen Prozesses verstanden werden. Erst wenn Stadtgeschichte in den gesamtgeschichtlichen Kontext integriert und lokales Geschehen mit dem Allgemeinen verbunden und in ein dynamisches Wechselverhältnis gegenseitigen Bedingens gebracht wird, ist es möglich, lokale Sonderentwicklungen, die unverwechselbare Individualität und die Einmaligkeit der Stadt herauszuarbeiten. Es soll moderne Forschungsmethoden berücksichtigen und damit ältere Forschungsansätze, die lange Zeit die Beschäftigung mit Frankenthaler Geschichte geprägt haben, überwinden. Das Interesse am Topos Stadt und die wissenschaftliche Beschäftigung mit Stadtgeschichte hat in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich zugenommen. Es gibt mittlerweile an deutschen Universitäten mehrere Lehrstühle, die sich explizit mit urbaner Geschichte auseinandersetzen. Dies geschieht in der Regel auf interdisziplinärer Basis. An den Diskussionen und Forschungsprojekten beteiligen sich nicht nur Historiker, sondern auch Stadtgeografen, Stadtplaner, Soziologen, Alltagsforscher, Mentalitätsforscher u.a. Diese haben in den letzten Jahren zahlreiche neue Ideen, Methoden und Theorien entwickelt, wie man das komplexe Konstrukt "Stadt" und seine Geschichte erforscht. Diese Methoden und Theorien sollen auch für die Erforschung der Frankenthaler Stadtgeschichte berücksichtigt und genutzt werden. Orientierungspunkt bei der Suche nach stadtgeschichtlich- und urbanisierungsrelevanten Epocheneinschnitten darf aber nicht allein die politische Geschichte sein. Auch der Wandel in den ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen und andere Aspekte müssen in konzeptionelle Überlegungen miteinbezogen werden. Ähnlich wie die Einordnung lokaler Geschichte in gesamtgeschichtliche Zusammenhänge, tragen auch die verwendeten Periodisierungskriterien dazu bei, die Individualität und Besonderheit einer Stadt zu definieren. Wichtige Zäsuren der Frankenthaler Geschichte, die jeweils mit grundlegenden politischen, administrativen und/oder ökonomischen Veränderungen verbunden waren, bilden die Jahre 1119 (Baubeginn des Augustiner-Chorherrenstiftes), 1562 (Ankunft der niederländischen Glaubensflüchtlinge), 1689 (Zerstörung der Stadt), 1798 (Angliederung an Frankreich), 1816 (Zugehörigkeit zu Bayern), 1918 (Weimarer Republik), 1933 (Beginn des NS-Regimes) und 1945 (Ende des NS-Regimes und des 2. Weltkrieges). Es scheint daher sinnvoll diese Zäsuren für die Periodisierung der Frankenthaler Geschichte heranzuziehen, drei der so entstehenden Zeitabschnitte – 1562-1689, 1816-1918 und 1945-2000 aber noch einmal zu unterteilen. Folgende Periodisierung ist vorgesehen:Vor- und Frühgeschichte Zeitraum: Von den ersten archäologischen Spuren bis zur Gründung des AugustinerChorherrenstiftes Zeit der Stifte Zeitraum: 12. bis 16. Jahrhundert Exulantensiedlung Zeitraum: 1562 bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts 30jähriger Krieg und Pfälzischer Erbfolgekrieg Zeitraum: Beginn des 17. Jahrhunderts bis zur Zerstörung 1689 18. Jahrhundert Zeitraum: Ende des 17. Jahrhunderts bis zur Französischen Revolution Französische Revolution, Revolutionskriege und französische Zeit Zeitraum: 1789 – 1815 Vormärz und Folgen Zeitraum: 1816 – 1860er Jahre Industrialisierung und Urbanisierung Zeitraum: 1860er Jahre – 1918 Weimarer Republik Zeitraum: 1918/19 – 1932/33 NS-Zeit Zeitraum: 1933 – 1945 Nachkriegszeit Zeitraum: 1945/46 bis 1960er Jahre Jüngste Vergangenheit und Gegenwart Zeitraum: 1970er Jahre bis zur Gegenwart
Hinzu kommen spezielle Kapitel zur Topographie und zur baulichen Entwicklung.
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