Der Fall "Adam Drays"

Der "Fall Adam Drays" 

Das Bild zeigt ein Portrait von Adam DraysViele, nicht nur eingeschworene Nationalsozialisten, waren vom militärischen Erfolg der Wehrmacht derart geblendet, dass man in Frankenthal auf eine Köpenickiade von bemerkenswertem Ausmaß hereinfiel. Soldaten, vor allem erfolgreiche Jagdflieger, U-Boot- oder Panzer-Kommandanten, wurden seit Kriegsbeginn vom nationalsozialistischen Propagandaapparat hervorgehoben und gefeiert. Diese meist jungen Männer, denen man die höchsten Tapferkeitsauszeichnungen verliehen hatte, wurden oftmals allein und zu mehreren von NS-Propagandaministerium von Stadt zu Stadt geschickt, eine Maßnahme, die ihre Popularität ungeheuer steigerte. Ihr Stellenwert war damals durchaus vergleichbar mit dem heutiger Popstars oder Sportgrößen. Jede Stadt, jede Region fieberte geradezu, einen dieser Helden für sich in Anspruch nehmen zu können. Dementsprechend traten auch die großen oder kleineren NS-Parteifunktionäre recht gerne mit den häufig als "Asse" bezeichneten jungen Männern auf. Die Frankenthaler Politprominenz machte hier keine Ausnahme und nahm im September 1940 erfreut und stolz die Geschichte des Adam Drays zur Kenntnis, der erzählte, er sei während des Frankreichfeldzugs im Mai 1940 siebzehn Kilometer in die französischen Linien eingedrungen und habe einen französischen General, 30 Stabsoffiziere und insgesamt 1.200 Soldaten gefangen genommen und sei daher vom Führer in Anwesenheit von Hermann Göring und Außenminister von Ribbentrop am 12. September persönlich mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet und vom Unteroffizier zum Hauptmann befördert worden. Dies war ein höchst willkommener Anlass in die Öffentlichkeit zu treten. Der Stadtrat beschloss umgehend, in einer außerordentlichen Ratssitzung am 14. September, nach bekannt werden der (behaupteten) Heldentaten des Adam Drays zahlreiche Ehrungen, so benannte man den Platz "Bei den vier Ulmen" in "Adam-Drays-Platz" (im Volksmund später "Blamageplatz") um, machte den Kriegshelden zum Ehrenbürger und veranlasste eine Eintragung in das "Goldene Buch" der Stadt.

Das Bild zeigt Gauleiter Joseph BürkelNicht nur die Bevölkerung und die Vertreter der Verwaltung waren begeistert, vor allem die örtlichen und überörtlichen Parteigrößen ließen es sich nicht nehmen, mit Drays aufzutreten. Selbst Gauleiter Bürkel war von Adam Drays angetan und empfing den Gefeierten. In einer viel besuchten Kundgebung der Kreisleitung der NSDAP erzählte der "Ritterkreuzträger" am 16. September 1940 im total überfüllten Frankenthaler Feierabendhaus den staunenden Zuhörern "über seine Erlebnisse". Bald darauf wurde jedoch zum Entsetzen der Düpierten Drays als Schwindler entlarvt. Seine Heldentaten, die zahlreichen Auszeichnungen und sein Dienstrang waren frei erfunden. Nach bekannt werden der Wahrheit tilgten die Beamten der Stadtverwaltung und die NS-Funktionäre alles, was auf Drays hätte hinweisen können: Sitzungsprotokoll des Stadtrats, Ehrenbürgerschaft, Goldene-Buch-Eintragung. Drays selbst wurde wegen seiner Hochstapelei zu "zehn Jahren Festungshaft und Verlust der Wehrwürdigkeit" verurteilt.

Ein Nachspiel zu dieser Affäre wirft ein bezeichnendes Licht auf die Frankenthaler NS-Funktionäre. Die, die anschließend nur noch durch beredtes Schweigen zum "Fall Drays" aufgefallen waren, hielten diese Linie selbst dann noch bei, als die damals 43jährige Eppsteinerin Christine M., die auch sonst aus ihrer Abneigung gegen die Nationalsozialisten und den Krieg kein Hehl machte, öffentlich zu den Vorfällen um Drays äußerte, das hätte man doch merken müssen. Darüber hinaus hätte sich Gauleiter Bürkel "mit seinem großen Eierkopp" auch noch mit Drays fotografieren lassen" und sei überdies "ein großes Arschloch". Diese und andere Äußerungen zogen ein Sondergerichtsverfahren nach sich, das aber, obwohl die Angeklagte die Äußerung über Bürkel bestätigte, der Oberstaatsanwalt des Sondergerichts Saarbrücken sang- und klanglos mit der Begründung, die Zeuginnen, zwei Landdienstmädchen, seien zu jung mit einer (folglosen) Verwarnung endete .

Das Bild zeigt Korvettenkapitän Dr.-Ing. BrillIm Januar 1942 konnte der Bevölkerung endlich mit dem vormaligen Betriebsdirektor und Vorstandsmitglied der Firma KSB Korvettenkapitän Dr. Brill endlich ein Frankenthaler als Ritterkreuzträger vorgestellt werden.
Beim Besuch seiner Heimatstadt bereiteten dem Kommandanten eines Minenlegers "seine Arbeitskameraden bei der KSB", wie der Heimatbrief zu berichten wusste, einen großen Empfang.

 
 

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